die Mär vom christlichen Abendland

mehr als einmal las ich in den vergangenen Monaten vom “christlichen Abendland” oder “christlichen Werten”, die hierzulande angeblich verteidigt werden. nur, von welchen Werten ist da bitte die Rede?

manche berufen sich auf die zehn Gebote, wie sie im Alten Testament zu finden sind. doch bereits Christopher Hitchens hat analysiert, dass darin nur wenig brauchbares zu finden ist, was für die heutige Ethik von Relevanz ist. zudem steht dort auch nichts, was sich als genuin christlich bezeichnen ließe (wie Herr Hitchens ebenfalls feststellt).

einige reden von einer “christlichen Tradition”. doch welche Tradition sollte das sein? wie Rolf Bergmeier und Dr. Michael Schmidt-Salomon von der gbs richtig feststellten, steht die Wiege unserer heutigen Zivilisation nicht in Bethlehem, sondern auf der Akropolis. dort etablierte sich die erste Demokratie, Natur- und Geisteswissenschaften sowie Kunst kamen zur Blüte. von diesem Erbe zehren sie noch heute: die antike Kultur Griechenlands und Roms sind die Fundamente des heutigen Europas.

alle Werte, die in einer aufgeklärten Gesellschaft heute hochgehalten werden, sind gerade gegen das Christentum erstritten worden: Religions- und Glaubensfreiheit und die damit einhergehende Trennung von Kirche und Staat (die m.M.n. noch weit stärker vollzogen werden sollte), Rede- und Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung der Frau (wobei es da auch noch einiges zu tun gibt …), die Abschaffung der Sklaverei, wissenschaftlicher Fortschritt (die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit). Der Humanismus ermöglichte die Abkehr von einem menschenverachtendem, weltfremdem Dogma, das den Anspruch erhebt, das Leitbild einer ganzen Kultur zu bestimmen.

wer also vom “christlichen Abendland” schwadroniert, sieht wohl nur die eigenen Privilegien bedroht, in einer Zeit, in der Religion eine immer geringere Rolle spielt. verzweifelte Versuche werden unternommen, die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Kirchen zu verschleiern, indem man so tut, als seien sie das Gewissen der Gesellschaft und Religion der einzige Quell menschlicher Moralvorstellungen. dabei kommt eine humanistische Ethik, die auf Vernunft und Logik basiert, sehr gut ohne Mythen aus und räumt auch endlich mit dem Irrglauben auf, der Mensch sei die Krone der Schöpfung.

jemand schrieb einmal, der Glaube an Jesus sei wie der Glaube an den Weihnachtsmann, nur für Erwachsene. es bleibt also zu hoffen, dass der Mensch auch dem Jesus-Mythos mit der Zeit entwächst. wie auch jedem anderen Aberglauben.

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in gedenken …

heute vor 2 jahren verstarb Christopher Hitchens, streitbarer journalist, intelektueller und stimme der vernunft gegen aberglauben und religiösen fanatismus.

er kritisierte zu recht den hype um Mutter Theresa, die alles andere als eine heilige war, setzte sich ein für eine säkulare gesellschaft und vertrat zuweilen auch unpopuläre positionen, selbst auf die gefahr hin, jene zu befremden, die ihn bewunderten.

er war belesen und witzig, in debatten schlagfertig – der ‘Hitchslap’ traf so manchen theologen, der statt mit vernunft und logik allein auf der grundlage des glaubens zu argumentieren versuchte.

Hitchens’ buch God Is Not Great [deutscher titel: Der Herr ist kein Hirte] ist nicht nur eine streitschrift gegen religion, sondern auch ein plädoyer für ein erfülltes leben frei von religion – eines, wie er es vorgelebt hat.

danke, Hitch!